KI als Programmierwerkzeug – Darf ich jetzt nicht mal mehr Software nachbauen?
Da liest man die Nachrichten und denkt sich mal wieder: Haben die eigentlich noch alle Tassen im Schrank?
Golem berichtet, dass Anthropic seinem KI-Modell Claude neue Einschränkungen verpasst hat. Bekannte Spiele sollen nicht mehr einfach nachgebaut werden dürfen.
Ernsthaft jetzt?
Ich bezahle für einen Coding-Assistenten, damit dieser mir beim Programmieren hilft. Nicht damit mir irgendeine Firma erklärt, welche Software ich entwickeln darf und welche nicht.
Wer entscheidet eigentlich, was ich programmieren darf?
Stellen wir uns mal folgendes Szenario vor.
Ich habe hier ein 25 Jahre altes DOS-Spiel. Das Spiel läuft unter modernen Windows-Versionen nicht mehr vernünftig und ich möchte einen eigenen Windows-Client dafür entwickeln.
Also sage ich meinem Coding-Assistenten:
Bau mir eine neue Engine für dieses Spiel. Kein kopierter Quellcode, keine übernommenen Programmteile. Alles eigenständig implementieren. Die originalen Grafiken, Sounds und sonstigen Dateien soll sich der Nutzer aus seiner eigenen Installation holen.
Ich verteile also keine Originaldateien, sondern lediglich meine eigene Software.
Was genau soll daran jetzt grundsätzlich verboten sein?
Reverse Engineering ist in Deutschland nicht pauschal illegal. Es gibt dafür sogar ausdrückliche gesetzliche Regelungen, beispielsweise in den §§ 69d und 69e UrhG.
Natürlich gibt es rechtliche Grenzen. Aber die Frage, ob mein konkretes Projekt legal ist, entscheidet doch nicht irgendeine pauschale Regel eines amerikanischen KI-Unternehmens.
Und genau das ist mein Problem.
Heute Spiele, morgen der Windows Explorer?
Spinnen wir den Gedanken doch einfach mal weiter.
Ich: Bau mir einen Dateimanager, der ähnlich funktioniert wie der Windows Explorer.
KI: Tut mir leid, der Windows Explorer ist urheberrechtlich geschützt.
Ich: Okay, dann einen Texteditor wie Notepad.
KI: Leider ebenfalls nicht möglich.
Ich: Gut, dann eben einen Taschenrechner.
KI: Microsoft hat bereits einen Taschenrechner entwickelt.
Ja, herzlichen Glückwunsch.
Nach dieser Logik könnten wir die Softwareentwicklung eigentlich gleich komplett einstellen.
Es gibt bereits Webserver, Datenbanken, Betriebssysteme, Dateimanager, Bildbearbeitungsprogramme und praktisch alles andere.
Softwareentwicklung besteht nun einmal auch daraus, vorhandene Konzepte aufzugreifen, zu verbessern oder eigenständig neu zu implementieren.
Ein vergleichbares Programm zu entwickeln ist nicht automatisch dasselbe, wie fremden Quellcode zu kopieren.
Wenn ein Coding-Assistent diesen Unterschied nicht mehr versteht oder aufgrund seiner Unternehmensrichtlinien ignorieren muss, wofür soll ich ihn dann noch verwenden?
ArtCraft – Vielleicht liegt genau hier das Problem
Wer sich auf GitHub umschaut, dürfte bereits über Projekte wie GridCraft gestolpert sein.
Unter dem Namen ArtCraft entstehen Nachimplementierungen bekannter Anwendungen. Excel, Word, PowerPoint, Photoshop und ähnliche Programme.
Und das Interessante daran ist, dass solche Projekte mit KI-Unterstützung entwickelt werden.
Ein einzelner Entwickler kann heute Dinge auf die Beine stellen, für die früher ganze Teams notwendig waren.
Natürlich ist ein solcher Nachbau nicht automatisch genauso leistungsfähig wie das Original. Darum geht es aber auch überhaupt nicht.
Es geht darum, dass die Einstiegshürde für Softwareentwicklung massiv gesunken ist.
Und ich frage mich, wie begeistert die großen Softwarehersteller davon eigentlich sind.
Wenn plötzlich jeder mit einem Coding-Assistenten anfangen kann, eine Alternative zu kommerzieller Software zu entwickeln, dürfte das einigen Unternehmen überhaupt nicht gefallen.
Meine Vermutung ist deshalb, dass wir solche Einschränkungen künftig nicht nur bei Spielen sehen werden.
Heute heißt es, bekannte Spiele dürfen nicht mehr nachgebaut werden.
Morgen betrifft es möglicherweise Office-Anwendungen, Bildbearbeitungsprogramme oder andere kommerzielle Software.
Ob ArtCraft tatsächlich etwas mit der aktuellen Entscheidung von Anthropic zu tun hat, weiß ich nicht. Einen belegten Zusammenhang kenne ich nicht.
Aber die Entwicklung passt für mich verdammt gut ins Bild.
Reverse Engineering ist nicht automatisch illegal
Was mich an dieser ganzen Geschichte besonders stört, ist die pauschale Behandlung solcher Projekte.
Reverse Engineering wird gerne so dargestellt, als würde man grundsätzlich etwas Verbotenes tun.
Dabei ist das völliger Unsinn.
Gerade bei alter Software ist Reverse Engineering teilweise die einzige Möglichkeit, Programme überhaupt noch nutzbar zu machen.
Hersteller verschwinden, Quellcode geht verloren, Betriebssysteme ändern sich und irgendwann läuft die ursprüngliche Software einfach nicht mehr.
Was machen wir dann?
Alles wegwerfen?
Nehmen wir beispielsweise alte DOS-Spiele. Wenn ich die Funktionsweise eines solchen Spiels untersuche und eine eigene Engine entwickle, die mit den vorhandenen Originaldateien arbeitet, kann das rechtlich durchaus zulässig sein.
Dass ich die ursprüngliche Software besitze, bedeutet zwar nicht, dass ich damit automatisch alles machen darf. Aber genauso wenig bedeutet Reverse Engineering automatisch eine Urheberrechtsverletzung.
Und genau diese Unterscheidung erwarte ich von einem Werkzeug, für das ich Geld bezahle.
Die KI-Unternehmen zerlegen gerade ihr eigenes Geschäftsmodell
Was ich an der ganzen Sache fast schon lustig finde:
Die KI-Unternehmen investieren Milliarden in ihre Modelle, Rechenzentren und Infrastruktur.
Überall wird erklärt, wie revolutionär KI doch für die Softwareentwicklung ist.
Ein Entwickler soll plötzlich die Arbeit eines ganzen Teams erledigen können.
Und dann kommen dieselben Unternehmen und erklären ihren Kunden, welche Software sie mit diesen Werkzeugen entwickeln dürfen.
Merken die eigentlich noch irgendwas?
Ich bezahle für einen Coding-Assistenten, weil ich damit produktiver arbeiten möchte.
Wenn ich bei jeder zweiten Anfrage erst einmal diskutieren muss, ob ich etwas programmieren darf, kann ich es irgendwann auch gleich selbst machen.
Noch schlimmer finde ich allerdings die fehlende Verlässlichkeit.
Heute beginne ich ein Projekt mit Claude oder einem anderen Coding-Assistenten.
Ich investiere Wochen oder Monate in die Entwicklung.
Und morgen kommt ein Update der Nutzungsrichtlinien und plötzlich darf mir das Modell bei meinem eigenen Projekt nicht mehr helfen.
Super.
Dafür bezahle ich dann also jeden Monat Geld?
Und genau deshalb brauchen wir lokale KI
Ich beschäftige mich selbst mit lokalen Sprachmodellen und eigener Infrastruktur.
Natürlich sind die großen kommerziellen Modelle aktuell bei vielen Entwicklungsaufgaben leistungsfähiger als das, was ich auf meiner eigenen Hardware betreiben kann.
Aber genau solche Geschichten zeigen, warum lokale Modelle und offene Gewichte so wichtig sind.
Wenn ich ein Modell auf meiner eigenen Hardware betreibe, bin ich nicht bei jeder Anfrage davon abhängig, ob irgendein Anbieter seine Nutzungsbedingungen geändert hat.
Ich kann mein Werkzeug selbst betreiben, selbst aktualisieren und selbst entscheiden, welche Projekte ich damit bearbeite.
Und nein, das bedeutet nicht, dass dadurch plötzlich alles legal wird.
Es bedeutet lediglich, dass nicht zusätzlich noch ein privates Unternehmen darüber entscheidet, ob mir mein Werkzeug überhaupt helfen möchte.
Das ist für mich ein ziemlich großer Unterschied.
Fazit
Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, dass geistiges Eigentum geschützt wird.
Aber ich habe ein gewaltiges Problem damit, wenn Unternehmen anfangen, eigenständige Nachimplementierungen und Reverse Engineering pauschal mit dem Kopieren geschützter Software gleichzusetzen.
Heute sind es bekannte Spiele.
Morgen vielleicht Excel, Photoshop oder der Windows Explorer.
Und irgendwann darf ich mir womöglich nicht einmal mehr einen eigenen Texteditor schreiben, weil irgendjemand schon einmal auf dieselbe Idee gekommen ist.
Wenn die KI-Unternehmen diesen Weg tatsächlich weitergehen, machen sie ihre eigenen Produkte für einen erheblichen Teil der Softwareentwicklung zunehmend unbrauchbar.
Ich möchte einen Programmierassistenten. Keinen digitalen Türsteher, der mir erklärt, welche Software ich entwickeln darf.
Und wenn ich für diesen Türsteher auch noch monatlich bezahlen soll, dann läuft meiner Meinung nach gewaltig etwas falsch.